Interview mit Anja Teltschik im Sommer 2005
Anja Teltschik arbeitet seit mehreren Jahren in leitenden Posititionen für nationale und internationale Hilfsorganisationen im Bereich Public Health und HIV/Aids. Seit Anfang 2003 lebt und arbeitet sie in der Ukraine.
A.T.: Vor zwei Jahren gab es den ?Country Coordinating Mechanism? (CCM) in der Ukraine, dem mehr als 35 Organisationen angehörten und der allein aufgrund seiner Grösse nicht funktionierte. Der CCM wurde 2004 aufgelöst und 2005 wurde der Nationale Koordinierungsrat (Rat) mit einem staatlichen Dekret ins Leben gerufen, in dem alle Interessengruppen vertreten sind ? vor allem die ?Community? der Menschen, die mit HIV/Aids leben, internationale und nationale NROs, das breite Spektrum der Ministerien und Spenderorganisationen. Kirchliche Vertreter wurden ebenfalls eingeladen, dem Rat beizutreten. Der Rat besteht seit Mai 2005 und hat sich in der Zwischenzeit auch schon zum ersten Mal getroffen. Entscheidungen des Rates sollen für alle Beteiligten bindende Wirkung haben.
Frage: Entscheidungen worüber?
A.T.: Entscheidungen, die im Bereich HIV/Aids anstehen. Substitutionstherapie ist beispielsweise momentan ein großes Thema. Im Rat wurde gerade ein Angebot für den ?Global Fund to Fight Aids, Tuberculosis and Malaria? (GFATM) verabschiedet, in dem es um die Weiterführung des Ukraine-Projektes und der ensprechenden Gelder nach 2005 geht, denn die jetzigen Gelder laufen nur bis Ende September diesen Jahres. Ein anderes, wichtiges Thema ist die Koordinierung der Interessenvertreter, Gelder und Geldgeber und die Ausarbeitung einer gemeinsamen Strategie, so dass sichergestellt wird, dass die vorhandenen Mittel optimal eingesetzt werden.
Frage: Wie ist das Verhältnis zwischen ausländischen Hilfsorganisationen und der Regierung?
A.T.: Momentan sehr gut, denn die Regierung ist sehr offen für eine Kooperation. NROs werden respektiert und angehört. Wir haben nicht immer alle dieselbe Meinung, aber wir diskutieren offen miteinander und das ist sehr wichtig. Die Regierung erkennt auch an, daß die meisten Aktivitäten im Präventionsbereich zum Beispiel bisher von internationalen Organisationen in Zusammenarbeit mit den nationalen und lokalen NRO?s durchgeführt wurden.
Frage: Gibt es schon konkrete Maßnahmen, die getroffen wurden und die in die Tat umgesetzt worden sind?
A.T.: Die Hauptaufgabe für uns alle war zunächst die Sicherung der Gelder für die kommenden drei Jahre. Es geht hier um US$ 62 Millionen. Es war notwendig, ein Angebot für den GFATM zu verfassen, dass sicherstellen würde, dass diese Gelder auch in die Ukraine fließen. Ansonsten haben wir zur Zeit das Problem, daß die Regierung noch relativ jung ist und das Gesundheitsministerium noch dabei ist, Mitarbeiter einzustellen. Es gab einen großen Wandel im Ministerium. Einige Leute sind gegangen und es müssen jetzt (2005) neue Leute gefunden werden. Bisher reduziert sich doch alles sehr stark auf den stellvertretenden Gesundheitsminister und eine seiner Mitarbeiterinnen, die auch vorher schon dabei war. Weitere Ansprechpartner gibt es kaum. Das neue Team des Gesundheitsministeriums hat sich aber gleich mit allen großen Organisationen zusammengesetzt und mit einigen ein sogenanntes ?Memorandum of Understanding? unterzeichnet, d.h. es wurde eine formellere Grundlage für die Kooperation zwischen Ministerium und NROs geschaffen. Dieser Rahmen hat bereits geholfen, gewisse Projekte schneller umzusetzen.
Frage: Hat sich schon etwas an der Stigmatisierung und Diskriminierung von AIDS-Kranken in der ukrainischen Gesellschaft geändert?
A.T.: Stigma und Diskriminierung sind weit verbreitete Probleme und allein mit zwei nationalen Anti-Stigma-Kampagnen (in den Jahren 2001 bzw. 2005) werden wir das Problem nicht beheben können. Im Grunde wird immer noch zu wenig zielgruppenspezifisch gearbeitet. Unsere 2005 Kampagne hat sich deshalb nicht nur an die Allgemeinbevölkerung gewandt, sonder sehr konkret auch an Dienstleistungsanbieter im Gesundheits- und Sozialbereich, vor allem an Ärzte und Krankenschwestern. Unter anderem auch deshalb, weil die betroffenen Gruppen aus den marginalisierten Gruppen der Bevölkerung kommen, wie beispielsweise intravenöse Drogengebraucher, Prostituierte usw. Diese Menschen tragen bedauerlicherweise sowieso bereits schon ein Stigma und durch eine HIV-Infektion wird alles meist noch verschlimmert.
Frage: Wie ist es zu der enormen Entwicklung der Drogensucht in der Ukraine gekommen?
A.T.: Es gibt sicherlich vielfältige Gründe hierfür. Die Ukraine ist ein Durchgangsland für den Drogenhandel. Die Öffnung durch das Schwarze Meer und den Hafen in Odessa, machen es den Drogenschmugglern relativ leicht, Drogen in das Land einzuführen.
Die Ukraine hat Grenzen zu vielen Ländern, von denen die Drogen weiter in die EU eingeführt werden.
Viele der Drogen kommen aus Zentralasien und dem Kaukasus in die Ukraine.
Drogen werden häufig in vorgefertigten Spritzen in der Ukraine verkauft und mit anderen geteilt, was das Risiko einer HIV-Infektion erhöht.
Frage: Der Umstand, daß es diese Drogenmassen gibt...?
A.T.: Drogen sind grundsätzlich relativ billig in der Ukraine. Heroin weniger, aber die meisten Drogen werden selbst hergestellt.
Obwohl die Ukraine nicht so arm wie beispielsweise Moldawien ist, gibt es doch viele Menschen die Drogen nehmen, die sich im Austausch für die Droge prostituieren. Andere werden als Drogenkuriere eingesetzt oder auch in Drogen für gewisse Tätigkeiten bezahlt.
Die Grösse des Drogenproblems in der Ukraine hat natürlich auch mit der sozio-ökonomischen Situation des Landes zu tun. Die Ukraine ist immer noch ein Land in der Umstellung und die negativen Auswirkungen der Umstellungsprozesse haben vor allem die ärmere Bevölkerung hart getroffen.
Auf der anderen Seite gibt es auch die Neugier der Jugendlichen, mit Drogen zu experimentieren, wie sie es in allen Ländern der Welt tun.
Frage: Die Gesellschaft geht mit den Drogensüchtigen sehr hart um...
A.T.: Teilweise habe ich es persönlich noch härter in Russland erlebt, wo ich vorher gearbeitet habe. Die Diskriminierung ist dort zum Teil viel brutaler, vor allem von Seiten der Polizei.
Ein schwieriges Thema ist die Stigmatisierung und Diskriminierung der Drogensüchtigen im Gesundheitssektor. Viele Drogensüchtige werden abgewiesen und haben keinen Zugang zur Behandlung.
Ein Beispiel aus der Stadt Poltawa. Dort hat ein junger Drogenabhängiger versucht, zu einer Klinik zu gehen, wurde abgewiesen, und da er keine Unterkunft hatte, ist er im wahrsten Sinne des Wortes in einem Hauseingang ?krepiert?. Ab und zu hat er noch Essen von irgendwelchen mitleidigen Nachbarn hingestellt bekommen, aber da er schwerstkrank war, hat er ohne medizinische Hilfe nicht überleben können.
Das ist natürlich ein Extrembeispiel, aber es gibt doch recht viele von diesen Beispielen und deswegen versuchen wir (in diesem Fall die AIDS-Foundation East-West, AFEW), ganz gezielt in unseren Anti-Stigma-Kampagnen, die wir mit dem All-Ukrainischen Netzwerk der Menschen, die mit HIV/Aids leben durchführen, besonders auch diese Zielgruppen (d.h. Personal im Gesundheitswesen) zu erreichen. Denn Aufklärung trägt zur Reduzierung von Stigma bei. Leider wurde bisher noch relativ wenig in diesem Bereich unternommen und auch die nationalen Medien haben sich wenig zum Thema HIV/Aids engagiert. Erst seit zwei Jahren fangen auch sie an, sich für das Thema zu interessieren, und unterstützen die nationalen Kampagnen.
Frage: Zum Beispiel?
A.T.: Zum Beispiel, daß soziale Reklame jetzt von mehr als nur einem nationalen Kanal gezeigt wird. Und dass mehrmals am Tag und nicht nur dann, wenn es zufällig gerade eine Lücke gibt. Es wächst immer mehr das Verständnis, daß auch die Medien eine grosse Rolle zu spielen haben. Es ist zwar noch nicht so, wie wir es uns wünschen und wie es in anderen Ländern der Fall ist. Die russischen Medien zum Beispiel unterstützen seit Jahren HIV-Aufklärungskampagnen und zeigen soziale Reklamspots zur Hauptsendezeit. In der Ukraine ist das immer noch die Ausnahme. Aber es geht voran.
Vor drei Jahren hatten wir nur einen einzigen nationalen Kanal und jetzt haben wir fünf. Ich denke, das ist schon ein Erfolg.
Frage: Worum handelt es sich bei dieser Sozialreklame?
A.T.: Diese Reklame wird von uns (AFEW) mit Betroffenen gemeinsam erarbeitet. Die Spots haben keine Logos, weil es soziale Reklame ist, die kostenlos gesendet werden soll und es geht nur darum, eine bestimmte Nachricht zum Thema HIV/Aids zu übermitteln.
In unserer Anti-Stigmakampagne haben wir eine bekannte Person involviert, die gleichzeitig die UN-Botschafterin für HIV/Aids war und eine bekannte Sängerin. Sie hat über das Thema Stigmatisierung gesprochen, was sehr gut ankam. Ihr Gesicht ist sehr bekannt, vor allem unter jungen Leuten.
Frage: Was muß weiterhin geschehen?
A.T.: Ganz wichtig ist momentan natürlich, daß die Fortführung des GFATM-Projektes in der Ukraine gesichert wird, und wir hoffen alle sehr, daß die Gelder genehmigt werden. Das GFATM-Projekt soll 46% der Gelder zur Umsetzung des Nationalen HIV/Aids Programmes für 2004-2008 beitragen. Daher wäre es geradezu eine Katastrophe für die Ukraine, wenn diese Gelder nicht genehmigt würden.
Natürlich müssen auch dringend von der ukrainischen Seite mehr Gelder in den Bereich HIV/Aids investiert werden.
Und obwohl wir ein Nationales HIV/Aids Programm für die kommenden Jahre haben, so fehlt bisher doch eine klare Strategie dahinter. Und wenn einem nicht klar ist, was man letztendlich mit einem Programm erzielen will, dann ist es am Ende schwierig, zu wissen und zu überprüfen, ob man das Richtige getan hat. Daher muss noch mehr an strategischen Zielen, Indikatoren und Aktionsplänen gearbeitet werden.
Es gibt neben dem GFATM-Projekt auch noch das grosse Weltbankprojekt. Das läuft seit zwei Jahren, aber bisher wurden nur 2% der Gelder veräußert. Da es aber nur noch anderthalb Jahre läuft und es um über US$ 60 Millionen geht, muss dringend etwas geschehen. Vor allem eine Einbindung in das GFATM-Projekt. Es gibt beispielsweise bisher keinen gemeinsamen Arbeitsplan. Erst im letzten Monat fanden die Geldgeber zu einer gemeinsamen Gesprächsbasis.
Das sind alles Dinge, die dringend angegangen werden müssen. Substitutionstherapie ? natürlich auch ein wichtiges Thema und ein Projekt, das sehr vom Gesundheitsministerium unterstützt wird. Zudem die Gesamtfrage der Prävention und der Unterstützung von intravenösen Drogengebrauchern, die mit HIV/Aids leben. Wie können beispielsweise Lebenssituationen für sie geschaffen werden, damit sie Zugang zur anti-retroviralen Therapie bekommen und eine Adhärenz ermöglicht wird?
Ein weiteres, brennendes Thema ist das der Flächendeckung. Bisher werden nur etwa 10-15% der Hauptzielgruppen erreicht und die meisten Programme konzentrieren sich bislang nur auf die Hauptbetroffenenregionen (8 von 26).
Frage: Um was für Programme und Ansätze handelt es sich da?
A.T.: Es gibt verschiedenste Programme mit verschiedensten Ansätzen. Letztlich kommt es immer darauf an, mit wem Sie als NRO arbeiten, d.h. wer der Geldgeber ist. Die Geldgeber, die aus den USA kommen, sind zum Beispiel dem Ansatz von ?Harm Reduction? (Schadensreduzierung) gegenüber ganz anders eingestellt, als europäische Geldgeber. Bei den Amerikanern geht es darum, die Leute von der Droge wegzubekommen, während es bei den Europäern zunächst einmal darum geht, zu verhindern, dass sich Drogensüchtige mit HIV infizieren.
Natürlich kommt es auch auf den Ansatz der Organisation, die das Projekt umsetzt, an. Einige Organisation wie zum Beispiel unsere (hier: AFEW) hat nicht das Hauptthema, Drogensüchtige zu rehabilitieren. Wir arbeiten nach dem Harm Reduction-Ansatz, denn wir sind eine HIV/Aids Organisation. Es gibt natürlich einige Drogenorganisationen, deren Hauptziel es ist, Menschen zu helfen, Alternativen in ihrem Leben zu finden und die Drogensucht zu überwinden. Allerdings gibt es nur ganz wenige erfolgreiche Rehabilitationsprogramme in der Ukraine. Das stellt ein grosses Problem dar. Und solange wir keine Möglichkeiten haben, Drogensüchtigen eine Alternative zu bieten, geht es hauptsächlich darum zu verhindern, daß sie sich mit Krankheiten anstecken und noch zusätzliche Probleme in ihrem Leben zu bewältigen haben.
Das Interview fand statt beim Deutsch-Österreichischen AIDS-Kongresses in Wien im Zuge der Recherchen zu unserem zweiten Film über AIDS in der Ukraine. Die Fragen stellte Karsten Hein.
Transkription: Dani Staack
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